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Arbeitsunfähigkeit – Was Arbeitnehmer beachten müssen, wenn sie krank werden

   

Wird ein Arbeitnehmer arbeitsunfähig, bekommt er zunächst von seinem Arbeitgeber bis zu sechs Wochen sein Gehalt in voller Höhe weiter bezahlt. Im Anschluss an diese Entgeltfortzahlung erhält der Angestellte bei weiter bestehender Erkrankung von der Krankenkasse bis zu 78 Wochen lang Krankengeld. Dabei handelt es sich um bis zu 70 % seines Bruttolohns und nicht mehr als 90 % vom Nettolohn.

Sollte der Mitarbeiter nach einer vorübergehenden Gesundung erneut an der selben Krankheit erkranken, bekommt er nur dann weitere sechs Wochen den Lohn von seinem Arbeitgeber, wenn er vor dieser neuen gleichartigen Erkrankung mindestens sechs Monate nicht arbeitsunfähig gewesen ist oder der Beginn seiner ersten Arbeitsunfähigkeit bereits 12 Monate zurückliegt. Ist der Arbeitnehmer dagegen erneut von einer anderen Krankheit betroffen, beginnt die Entgeltfortzahlungspflicht des Arbeitgebers ohnehin wieder neu für bis zu sechs Wochen.

Anders verhält es sich, wenn der Angestellte seine Arbeitsunfähigkeit selbst verschuldet hat. In einem solchen Fall muss der Arbeitgeber nichts zahlen. Insbesondere gilt dies bei selbst verschuldeten Verletzungen von Autofahrern, die beispielsweise nicht angeschnallt gewesen sind. In der Praxis ist ein solches Verschulden jedoch eher selten.

Im Falle einer arbeitsunfähigen Erkrankung sollte sich ein Arbeitnehmer an folgende Regeln halten:

1. Arbeitsunfähigkeit:

Nicht jede Krankheit bedeutet Arbeitsunfähigkeit. Nur wenn der Arbeitnehmer seine arbeitsvertraglichen Pflichten nicht mehr erfüllen kann, dann darf er zu Hause bleiben.


2. Meldung:

Der erkrankte Mitarbeiter muss gegenüber seinem Arbeitgeber bereits am Morgen des ersten Fehltags ggf. telefonisch Bescheid geben.

3. Nachweispflicht:

Die Arbeitnehmer haben ferner die Pflicht, ihre Arbeitsunfähigkeit durch eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nachzuweisen. Jeder Arbeitnehmer ist insoweit verpflichtet, im Falle der Erkrankung spätestens am vierten Tag der Arbeitsunfähigkeit die ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung dem Arbeitgeber vorzulegen. Allerdings ist der Arbeitgeber berechtigt, bei sog. „Kurzerkrankungen“ diese Bescheinigung zu einem früheren Zeitpunkt zu verlangen.

4. Prognose:

Auch wenn die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung erst am vierten Tag beim Arbeitgeber ankommen muss, sollte der Arbeitnehmer in jedem Fall sofort nach seinem Arztbesuch dem Arbeitgeber mitteilen, wie lange er voraussichtlich fehlen wird.

5. Folgeatteste:

Wir im Verlauf der Krankheit eine weitere Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nötig, dann gelten grundsätzlich die selben Mitteilungspflichten, und zwar über die gesamte Krankheitszeit. Selbst wenn nach sechs Wochen der Arbeitgeber keine Entgeltfortzahlung mehr zu leisten braucht und die Krankenkasse Krankengeld zahlt, muss der Arbeitnehmer immer noch die Mitteilungspflichten gegenüber dem Arbeitgeber erfüllen.

6. Erkrankung im Ausland:

Bei einer Erkrankung im Ausland ist der Arbeitnehmer verpflichtet, nicht nur dem Arbeitgeber, sondern auch seiner Krankenkasse die Arbeitsunfähigkeit unverzüglich anzuzeigen. Die Anzeigepflicht ist somit im Ausland erweitert, da sie gegenüber zwei Institutionen erfüllt werden muss. Die Nachweispflicht wiederum, also die Vorlage eines ärztlichen Attestes ist bei einer Erkrankung im Ausland nur gegenüber dem Arbeitgeber zu erfüllen. Dabei gilt jedoch, dass auch das im Ausland erstellte Attest bereits am vierten Tag nach der Erkrankung im Betrieb eingehen muss. Hier eignet sich die Übertragung per Fax. Auch sollte der Arbeitnehmer jede Erkrankung während seines Urlaubs gegenüber dem Arbeitgeber anzeigen, da die Urlaubstage ihm dann gutgeschrieben werden. Ist ein Arbeitnehmer arbeitsunfähig krank, kann der Urlaub nicht eingebracht werden. Krankheit und Urlaub mit seinem Erholungszweck schließen sich gegenseitig aus.


7. Teilarbeitsfähigkeit:

Eine Teilarbeitsfähigkeit war bisher im deutschen Arbeitsrecht nicht anerkannt. Der Arbeitnehmer konnte nur arbeitsfähig oder arbeitsunfähig sein. Eine Mischform gab es nicht. Mit Einführung des § 74 SGB V ist nunmehr ein erster Schritt in Richtung auf Anerkennung einer Teilarbeitsfähigkeit gemacht worden. Danach soll der behandelnde Arzt, wenn ein arbeitsunfähiger Arbeitnehmer seine bisherige Tätigkeit teilweise verrichten könnte und eine stufenweise Wiederaufnahme seiner Tätigkeit voraussichtlich seine Eingliederung in das Erwerbsleben verbessert, auf der Bescheinigung über die Arbeitsunfähigkeit ausnahmsweise auch Art und Umfang der möglichen Tätigkeiten angeben. Aus dieser sozialversicherungsrechtlichen Pflicht des Arztes leiten sich jedoch keine Pflichten der Arbeitsvertragsparteien ab, ein solches Wiedereingliederungsverhältnis tatsächlich durchzuführen. Auch wenn der Arbeitnehmer den Wunsch äußert, für wenige Stunden in dem Betrieb des Arbeitgebers tätig sein zu wollen, kann der Arbeitgeber diesen Wunsch ablehnen.

8. Konsequenzen:

Legt der Arbeitnehmer trotz wiederholter Aufforderung überhaupt keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vor oder verletzt er sonstige Pflichten, kann dies zur Abmahnung und sogar außerordentlichen Kündigung führen. Der Arbeitgeber kann aber auch den Lohn für die Tage, an denen der Arbeitnehmer unentschuldigt gefehlt hat, einbehalten.

9. Zu Hause bleiben:

Arbeitsunfähige Arbeitnehmer müssen nur zu Hause bleiben, wenn dies ausdrücklich ärztlicherseits verordnet ist. Dies gilt auch bezüglich der Bettruhe. Sofern die Heilung nicht verzögert oder gefährdet wird, dürfen erkrankte Arbeitnehmer auch einkaufen, spazieren oder ins Kino gehen. Auch ein Ortswechsel oder die Fahrt zur Familie oder Freund und Freundin ist erlaubt, sofern dies der Heilung nach ärztlicher Einschätzung dienlich ist.

10. Nebenbeschäftigung:

Jobbt ein arbeitsunfähiger Mitarbeiter in einem anderen Betrieb, kann der Arbeitgeber ihn ohne Abmahnung fristlos kündigen. Erst recht droht ihm dies, wenn er bei einem Konkurrenten arbeitet und die Arbeit nach Art und Schwere vergleichbar ist.

11. Heilung

Ein kranker Arbeitnehmer darf nicht an seinen Arbeitsplatz arbeiten. Selbst der Arbeitnehmer, der vorzeitig wieder gesund wird, kann vor dem Ablauf der durch den Arzt attestierten Arbeitsunfähigkeitsfrist nur dann wieder in dem Betrieb weiter arbeiten, sofern der Arbeitgeber dem zustimmt.

12. Verschwiegenheit:

Der Arbeitnehmer muss seinem Arbeitgeber nicht die Einzelheiten seiner Krankheit oder die Diagnose mitteilen und sollte dies auch nicht tun. Dies kann ansonsten seine Chancen in einem späteren Kündigungsschutzprozess erheblich verschlechtern.

13. Die Kündigung als letztes Mittel:

Gerade bei der krankheitsbedingten Kündigung ist der Arbeitgeber verpflichtet, jede mögliche, zumutbare und geeignete Maßnahme zu ergreifen, die im Rahmen der betrieblichen Interessen die Kündigung vermeiden hilft. Die Arbeitsgerichte verlangen demgemäß als erstes eine sog. „negative Prognose“. Mit hoher Wahrscheinlichkeit muss der Arbeitnehmer auch weiterhin wegen seiner Krankheit arbeitsunfähig bleiben.

Die bisherigen und nach der Prognose zu erwartenden Auswirkungen des Gesundheitszustands des Arbeitnehmers müssen zu einer erheblichen Beeinträchtigung der betrieblichen Interessen führen. Sie können durch Störungen im Betriebsablauf oder wirtschaftliche Belastungen hervorgerufen werden.

Das Gericht muss die Interessen der Parteien gegeneinander abwägen. Dabei kommen Störungen des Arbeitsablaufs, Produktionsausfall, außerordentlich hohe Lohnfortzahlungskosten in Betracht, die den familiären Verhältnissen oder einer Schwerbehinderung des Arbeitnehmers gegenüber gestellt werden. Nur wenn die Interessen des Arbeitgebers schwerer wiegen, darf er kündigen. Bezogen auf den Ablauf eines Großbetriebs mit tausenden von Mitarbeitern werden sich Fehlzeiten eines einzelnen jedoch kaum belastend auswirken. Stellt man aber auf die Arbeitsgruppe, in welcher er tätig ist ab, wird dies wiederum anders sein. Der Hinweis des Arbeitnehmers, seine Person habe kaum Bedeutung im Unternehmen, hilft dabei nicht. Unter Umständen kann vom Arbeitgeber auch verlangt werden, mildere Maßnahmen als die Kündigung zu ergreifen, beispielsweise, wenn eine passende Stelle im Betrieb des Arbeitgebers frei ist, die dem Mitarbeiter trotz seiner Erkrankung noch zugemutet werden kann. Eine Versetzung in die neue Abteilung geht dann der beabsichtigten Kündigung vor. Eine Umstrukturierung des Betriebs und Schaffung neuer geeigneter Arbeitsplätze kann vom Arbeitgeber aber nicht verlangt werden.

 
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